lichen on tree, south carolina

large grasshopper, indiana

hoverfly on red daisy mum

little blue heron, everglades

Zur Sendung "Leschs Kosmos, Räuber und Beute auf dem Blauen Planeten"

[Link zur Sendung, auf youtube ]

[Diese Seite als PDF: 201111_Leschs_Kosmos.pdf]


Aus der Sendungsbeschreibung: „Homo sapiens kann gar nicht anders als seinen Heimatplaneten zu plündern“. Der (oder zumindest ein) Ausweg sei die Nutzung der Sonnenenergie.



Zu beiden Punkten, die in dieser wissenschaftlichen Form quasi als Fakten vorgetragen werden, hier einige Gedanken:


Menschen haben den Planeten immer ausgebeutet, so gut sie nur irgendwie konnten (Min. 7.15)

Als Beispiel für diese These wird u.a. angeführt, dass „Jäger und Sammler einen riesigen Flächenverbrauch“ gehabt hätten. Was heißt „Flächenvebrauch“? Die Fläche wurde durch Jäger und Sammler nicht verbraucht, sondern sie wurde genutzt, nachhaltig. Dazu steht im Gegensatz unsere heutige Zivilisation: Fläche wird tatsächlich verbraucht, z.B. durch Praktiken, die zu Bodenerosion führen (Schafzucht in Australien, Rinderzucht in Brasilien), oder zu Ver-Wüstung durch Abholzung, Grundwasserausbeutung und Stauung von Flüssen weltweit – laut Claus Klebers aktuellem „Machtfaktor Erde“ sind z.B. Chinas Wüsten heute zweieinhalb mal so groß wie dessen Ackerfläche, bei einer Ausdehnung der Wüsten, d.h. in diesem Sinne einem „Verbrauch“ von 4000qkm Land jährlich.

Man könnte Prof. Leschs Beispiel so verstehen, dass Naturvölker einen höheren Flächenbedarf pro Person gehabt hätten – woran aber nichts auszusetzen ist, solange diese Nutzung eben nachhaltig war (zur Definition Nachhaltigkeit siehe Leschs Kosmos, Folge „Was soll ich tun?“).

Aber selbst so gesehen: ob unser heutiger Flächenbedarf geringer ist, ist fraglich, insbesondere langfristig. Auch unser sesshafter Lebensstil in „Megacitys“ erfordert riesige Flächen Umlands, insbesondere für unseren Fleischkonsum, bis hin zu gerodeten Regenwaldflächen im Amazonasgebiet – und zwar nicht nachhaltig. Zu diesem Bedarf kommt noch wie oben genannt dauerhaft nicht mehr nutzbare Fläche durch Bodenerosion oder Wüstenbildung. Etwas weiter gedacht darf man auch anderweitig „verbrauchte“ Fläche einrechnen: radioaktiv verseuchte Landstriche, Gegenden mit verseuchtem Grundwasser, oder in der Südsee versinkende Inseln – auch das ist freilich unserer Lebensweise zuzuordnen.

Dass viele unseren Planeten gerne ausbeuten würden so gut sie können steht außer Frage, aber das Beispiel „Jäger und Sammler“ aus der Vergangenheit ist fraglich. Dagegen gibt es Beispiele sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der heutigen Zeit, die die Behauptung einer quasi naturgegebenen Plünderung widerlegen:


Naturvölker im Einklang mit der Natur hat es nie gegeben (Min. 7.10)

Sobald ein Lebewesen („Organismus“) die Fähigkeiten hat, den Planeten auszuplündern („Erkenntnisfähigkeit“), wird es dies auch tun (Min. 6.30)

In Jared Diamonds Buch „Collapse“ („Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“) z.B. finden sich Beispiele von Naturvölkern, die es geschafft haben nachhaltig zu leben, ohne Auszuplündern „so gut sie nur konnten“. Mangelnde Erkenntnisfähigkeit? Wohl kaum: man kann davon ausgehen, dass z.B. die amerikanischen Ureinwohner sehr wohl wussten wie sie noch mehr Lachse aus den Flüssen ziehen oder noch mehr Bisonfelle anhäufen – sie haben es aber nicht getan. Es ist eben nicht zwangsläufig, dass Menschen ausbeuten ohne Rücksicht auf die Zukunft, wie es in der Sendung dargestellt wird.

Ob solche Gesellschaften ins Plündern verfallen wären, hätten sie ihre technischen Fähigkeiten erweitert? Spekulation, kein Fakt; es scheint vielmehr eine kulturelle Errungenschaft einer Gesellschaft, ob sie mit der Umwelt leben will, mit Rücksicht auf zukünftige Generationen und andere Lebensformen, oder egoistisch. Auch hier das Beispiel der Urvölker Amerikas: deren Kultur hätte es wohl nicht zugelassen, anderes Leben in Massen lediglich zum „Spaß“ zu töten. Hingegen wurde dies in unserer europäischen Zivilisation nicht nur akzeptiert, sondern sogar als besondere Lebensart und gar Statussymbol betrachtet. In Farley Mowats Buch „Sea of Slaughter“ finden sich zahlreiche Beispiele des Abschlachtens von z.B. Eisbären oder Wasservögeln als „Sport“, bis hin zu deren Ausrottung. Dies hat sich bis zum heutigen Tag übrigens in unserer Kultur gehalten. Ein Hinweis eben darauf, dass „Ausbeuten so gut man kann“ ein kulturelles Merkmal ist, kein naturgegebenes i.S.v. unabänderliches.

Ein Beispiel aus der heutigen Zeit noch, das dies bestätigt: wenn man nur etwas sucht, wird man Menschen finden die bereit wären oder sind, Überfluss und sog. „Wohlstand“ aufzugeben, zugunsten eines nachhaltige(re)n Lebens. Obwohl man immer mehr Anhäufen könnte, ziehen es zumindest einige Menschen vor dies nicht zu tun, oder versuchen sogar unsere Kultur des Ausplünderns zu ändern. Wie passt das zur angeblich zwangsläufigen Plünderei? Erkenntnisfähigkeit wie in Prof. Leschs Sendung genannt hört eben nicht bei unreflektierter Ausbeuterei auf, sondern kann weiter gehen zu langfristig sinnvollem Handeln.

Es scheint zudem bezeichnend für unsere so selbst-überzeugte Kultur, dass wir andere Kulturen, die es offensichtlich geschafft haben tausende Jahre nachhaltig mit ihrer Umwelt zu leben, als minder „erkenntnisfähig“ einstufen, während unsere industrielle Zivilisation es erst noch beweisen muss, ob sie über einige hundert Jahre hinaus kommt.


Wenn wir [unbegrenzt] elektrische Energie haben, kann uns überhaupt nichts mehr passieren (Min. 12.30); Wenn wir die Energie der Sonne ausnutzen können, haben wir eine Chance den Planeten nicht zu erschöpfen, obwohl wir ihn ausplündern (Min. 13.10)

Die Verdichtung einer Lösung auf „Sonnenenergie um Produkte wieder in Rohstoffe zurückzuführen“ mag eine Vereinfachung aufgrund der kurzen Sendezeit sein. Dennoch ist die Botschaft fatal: wenn wir nur noch etwas forschen, werden wir den Schlüssel für unsere heutige Plünderei in der Hand halten und können gerade so weitermachen. Dass man Spezies, die wir zu Tausenden ausrotten, Regenwälder, Südseeinseln, Mangroven, Korallenriffe, Süßwasserspeicher, ein lebensfreundliches Klima etc. nicht einfach so aus Sonnenenergie zurückzaubern kann bleibt unerwähnt. Dass wir auf vieles davon angewiesen sind ebenfalls nicht.



Diese Sendung ist leider eine viel zu starke Vereinfachung, und führt in dieser Form zu der Schlussfolgerung, dass unser Verhalten unabänderlich sei und damit vollkommen „normal“. Mithin kann man es sich einfach machen und diese Sendung als Begründung für die eigene Inaktivität nehmen, etwas am eigenen Überkonsum zu ändern – denn zudem können wir auf die Technik vertrauen, die uns schon eine Lösung liefern wird, ohne unser persönliches Zutun.


Wie oben geschrieben ist es aber primär eine kulturelle Frage, keine technische, ob wir es noch schaffen werden nachhaltig auf unserem Planeten zu leben oder nicht.


W. Koch
ysmad.com